Frauen überschätzen den Nutzen des Mammografie-Screenings kolossal

Ende Februar 2014 wurde der Gesundheitsmonitor von Barmer GEK und Bertelsmann Stiftung veröffentlicht. Mehr als 1800 Frauen haben an der Erhebung teilgenommen, in der es darum ging, ihre Erwartungen und ihren Kenntnisstand gegenüber der Mammografie zu erfassen. Die Befragung zeigt, dass Frauen den Nutzen des Brustkrebs-Screenings massiv überschätzen und die Schadenspotenziale erheblich unterschätzen. Prof. Norbert Schmacke, einer der Autoren des Gesundheitsmonitors, hält das Ausmaß der Informationsdefizite für besorgniserregend: "Es mangelt insbesondere bei der Einladung zum Screening an verständlichen und evidenzbasierten Informationen sowie an Zeit und Gelegenheit, sich eine eigene Meinung bilden zu können", so der Professor der Universität Bremen. Dies unterstreicht Prof. Marie-Luise Dierks, Leiterin der Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover: "Wir haben die Verpflichtung, ausgewogen und verständlich über den Nutzen, aber auch die Risiken des Screenings aufzuklären und den Frauen eine gute Entscheidung zu ermöglichen."

Das Vertrauen in die Früherkennung ist in Deutschland - wie in vielen anderen Ländern - ungebrochen: Für 90 Prozent der Frauen überwiegt klar der Nutzen der Mammografie, ein Drittel sieht die Bilanz bei 90 zu 10, ein weiteres Drittel bei 80 zu 20. Und 30 Prozent der Frauen im Gesundheitsmonitor sind fälschlicherweise gar der Meinung, dass die Mammografie verhindern kann, Brustkrebs zu bekommen. Danach gefragt, wie viele Brustkrebstodesfälle verhindert werden, wenn 1000 Frauen ab dem 50. Lebensjahr an der Mammografie teilnehmen, tippten die Teilnehmerinnen im Mittel auf 237 gerettete Leben. Dem Stand der Wissenschaft zufolge sind es 5 von 1000 Frauen, die nicht an Brustkrebs sterben - diese Zahl nannten nur vier Prozent der Befragten.

GesundheitsexpertInnen sind wesentlich weniger euphorisch. Peter Gotzsche, der Leiter des Nordischen Cochrane Zentrums, das die Vor- und Nachteile medizinischer Tests und Therapien untersucht, sagt: "Der wirksamste Weg für eine Frau, die verhindern will, dass sie zur Brustkrebspatientin wird, besteht darin, nicht zum Screening zu gehen."
Eine große Studie, die im British Medical Journal (Bd. 348, S. g366, 2014) erschien, bestätigt die Skepsis. Die Untersuchung, die über einen Zeitraum von 25 Jahren die Folgen des Mammografie-Screenings in Kanada an 90.000 Frauen erfasste, kam zu niederschmetternden Ergebnissen: Die Todesfälle durch Brustkrebs waren genauso häufig bei Frauen, die fünf Jahre lang jährlich zur Mammografie gingen wie bei jenen, die nie eine Röntgenuntersuchung der Brust anfertigen ließen. In den 25 Jahren, die die Nachbeobachtung dauerte, stellten die ÄrztInnen nicht nur keinen Nutzen der Mammografie fest, sondern sogar einen Schaden für etliche Frauen: Jeder fünfte Krebs, der mittels einer Mammografie entdeckt wurde, stellte keine gesundheitliche Bedrohung für die Frau dar, die durch den Befund aber massiv verunsichert wurden. Die kanadischen AutorInnen kommen zu dem Schluss, dass dringend überlegt werden sollte, mit welcher Begründung weiterhin am Mammografie-Screening festhalten werden soll. Diesem Fazit schließen sich Harvard-MedizinerInnen um Mette Kalager in einem Kommentar für das British Medical Journal an. Wahrscheinlich sei der Anteil der Überdiagnosen in anderen Ländern mit Screeningprogrammen sogar noch höher als die in Kanada erhobenen 22 Prozent, vermutet Kalager. Sie vergleicht das Mammografie-Screening mit dem PSA-Test auf Prostatakrebs, der von unabhängigen Ärztegesellschaften abgelehnt und in vielen Ländern aufgrund des fragwürdigen Nutzens nicht von den Kassen erstattet wird.

Das Risiko, in den folgenden 20 Jahren an Brustkrebs zu sterben, liegt mit Screening bei 1,5 Prozent, ohne bei 1,9 Prozent. Für einen 50-jährigen Mann liegt das Risiko, in den folgenden 20 Jahren Prostatakrebs diagnostiziert zu bekommen, bei 3,9 Prozent, wenn er das Screening mitmacht, gegenüber 2,7 Prozent ohne Screening. Hier liegt die Rate der Überdiagnosen sogar bei erstaunlichen 45 Prozent.
Viele Frauen nehmen aus Unsicherheit und Sorge am Screening teil und nicht, weil sie von den Pro-Argumenten überzeugt sind. Angst ist in Gesundheitsfragen ein schlechter Ratgeber. Ausgewogene Informationen würden so manche unnötige Untersuchung verhindern. http://www.bmj.com/content/348/bmj.g366

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